|
Artikel aus der Bürstädter Zeitung vom 30.01.2010:
"Vorhang auf"
Von Sabine Weidner
FILMINSEL Kinoverein blickt auf 460 Mitglieder/Träger des Kulturpreises
"Vorhang auf" und in Biblis gastieren Hollywoodgrößen, Animationscharaktere oder kulturelle Klassiker der Filmkunst - die Filminsel in Biblis ist zum kultigen Treffpunkt aller Cineasten, Lounge- und Kleinkunstliebhaber sowie für Kinder geworden. Und das schon fast 25 Jahre.
2011, im Jubeljahr der Gemeinde, feiert auch der Kinoverein seinen halbrunden Geburtstag. "Kino gab es auch vorher schon in Biblis", sagt Vorstand Marcus Müller. Unter dem Namen "Filmbühne" gab es bereits unter der Regie von Werner Neumann Vorstellungen. Vor 24 Jahren also gründeten 28 Mitglieder, von denen einige noch heute der Insel treu sind und auch mitarbeiten, den Verein. Derzeit gibt es dort 460 Mitglieder, 22 ehrenamtliche Helfer, die die Vorführarbeit, den Thekendienst und den gesamten Kinoablauf übernehmen. "In Wechselschicht", erklärt Stefanie Reis, sie ist gleichberechtigte Vorsitzende mit Marcus Müller.
Von den 50er-Jahren bis 1985 war die Filmbühne in Betrieb - im April 1986 war Wiedereröffnung. "Purple Rose of Cairo" wurde vorgeführt, die neue Ära begann. Im Dezember 1987, mit der Vereinsgründung, übernahm zuerst die Gemeinde für zwei Jahre die geschäftliche Abwicklung für die Filminsel, danach organisierte sich der Verein selbst. "Damals führte auch noch Werner Neumann die Streifen vor", erinnert sich Andreas Aust, langjähriger Vorstand. Nach und nach lernten die Mitglieder, wie die Technik funktioniert und führten dann selbst vor.
Mit der Schließung des Europa-Kinos in Worms gab es neue Stühle. "Die haben wir von dort geholt", sagt Aust. Seither sitzen die Kinogäste auf roten Klappsesseln. Im Jahr 1998 gab es den Kulturpreis der Gemeinde Biblis aus den Händen von Bürgermeister Alfred Kappel - ein Höhepunkt in der Lichtspielhausgeschichte. Recht eng war es damals noch im Gebäude, die Toiletten außerhalb, der Vorführraum nur durch das Damen-WC zu erreichen. Gute Besucherzahlen, kommunale Unterstützung und ein engagiertes Team machten einen Umbau möglich. Im Jahr 2000, am 12. Mai, wurde Neueröffnung gefeiert - endlich gab es ein Foyer mit Servicetheke, sanitäre Einrichtungen und einen kleinen Lagerraum. Auf dem Balkon wurde zudem ein gemütlicher Bereich für Mitglieder hergerichtet, dort stehen den Kinounterstützern neun Zweiersofas für den komfortablen Blick auf die neue Leinwand zur Verfügung.
Der Vorstand und eine Gruppe fachversierter Mitglieder treten nun mit der Gemeinde in Kontakt, denn es steht die Sanierung des Kinobodens an. Die Lüftungsanlage muss erneuert werden, ebenso einige Kleinigkeiten, damit die Filminsel auch weiterhin von Donnerstag bis Sonntag für Filmspaß sorgen kann. Auch wenn sich die Zahl von 22 Helfern viel anhört - Mitarbeiter werden immer gebraucht, denn die Filminsel lebt davon, dass es auch den Organisatoren Spaß macht, was sie tun. Kann man die Dienste auf mehrere Schultern verteilen, hat jeder nur einen geringen Zeitaufwand und alle den Filmgenuss zum günstigen Preis direkt vor Ort.
Wie sieht der Alltag der Helfer aus? Die erledigen von der Filmbestellung, nach der Auswahl im Team, über das Putzen, die Werbung, die Aktualisierung der Homepage alles, was der Betrieb erfordert. Eine Stunde vor der Vorführung sollte man schon da sein, die Heizung im Winter hochdrehen, seinen Rundgang machen und schauen, ob alles in Ordnung ist. Die Beleuchtung wird dann aktiviert, Musik eingeschaltet - das Kino erwacht zum Leben. Die Kasse und die Karten zählen und die Kühlschränke kontrollieren - dann kann der Besucheransturm anrollen. Nach dem Film geht es ans Saubermachen, Saal- und Toilettenkontrolle, Kasse zählen - nach insgesamt gut vier Stunden ist der Dienst beendet. "Es macht einfach Spaß, und wir helfen, die Filminsel zu erhalten. Es ist ein tolles Angebot", sind sich die Helfer einig. Im letzten Jahr waren über 10000 Besucher im Bibliser Kino - ein Rekord für den Mainstream mit aktuellen Filmen, den Donnerstagabend mit der Staffel aus der Filmkunst Hessen und den Kindervorstellungen immer am Sonntagnachmittag. "Da kommen bis zu 80 Kinder", erzählen die Kinomacher.
"Vorhang auf" (Bürstädter Zeitung, 30.01.2010)
“Des Vorführers Reich”
KINO Ein Blick hinter die Kulissen der Filminsel/Kein Knistern und Knacken
(wb). Der Blick hinter die Kulissen der Filminsel Biblis: des Vorführers Reich. Während sich vorn im Saal die Gäste ihren Platz aussuchen, Chips und Süßes knabbern und auf den Filmstart warten, ist er hier in seinem Element und bereits seit gut einer halben Stunde in Aktion.
Im engen Räumchen sind die zwei beeindruckenden Projektoren der Marke "Ernemann 8 mit Xenonlampen" untergebracht. Ringsum stapeln sich Filmrollen, baumeln Filmanschnitte am Nagel und die Eulenspiegel, die technische Finesse der Vorführapparate, blinken. "Die Rollenanfänge müssen zugeschnitten, der Film von der Transportrolle umgespult und die Werbetrailer angefügt werden", erklärt Andreas Aust, der jahrelang selbst als Vorführer im Kabäuschen gearbeitet hat. Dann heißt es: Wecker stellen, denn nach etwa 20 Minuten werden die Rollen manuell umgestellt - von einem Gerät auf das nächste. Langsam wird klar, warum man zum Vorführen eine regelrechte Anleitung, fast eine Ausbildung braucht. "Die geben wir an die Neuen weiter", sagt Aust.
Früher gab es neben den Bildrollen auch noch welche extra mit dem Ton. An die herrlichen "Verschieber", wenn auf der Leinwand schon leidenschaftlich geküsst wurde, im Ohr aber noch der vorangehende Liebesschwur erklang, kann man sich noch gut erinnern. Aber die beiden Schätze der Filminsel haben schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel, sie sind Baujahr 1951. Fest installiert stehen sie seither an ihrem Platz. 1995 wurde auf die neuere Technologie der Xenonlampen umgebaut. Diese Lichtbogenlampen ohne Glühfäden erzeugen Licht nahe dem Tageslicht. Die bereits erwähnten Eulenspiegel lassen das UV-Licht durch, und nur die Tageslichtwellen werden nach vorn reflektiert.
Eine kleine Anekdote zur historischen Lichtbogenerzeugung weiß der Technikfan zu berichten: "Es gab zwei offene Kohlestäbe, die sich gegenüber lagen und zusammen gekurbelt wurden, bis sie sich berührten - Zündung - und dann langsam wieder auseinander kurbeln, bis der Bogen steht", erklärt er schmunzelnd. "1995 gab es dann auch eine neue Leinwand", erinnert sich Aust. 2006 wurden die Getriebe der Projektoren noch einmal gereinigt und instandgesetzt: "Der einzige, der das noch konnte, ging mit unserem Getriebe in Rente", ist Aust froh, dass es noch geklappt hat, im fernen Kiel die Teile zu reparieren. 2007 zog dann die neueste Tontechnik in die Bibliser Hintergasse und das dortige Kino: "Dolby Digital EX" war das Zauberwort.
Die Lautsprecheranlage wurde erneuert und erweitert - der Sound eines großen Kinos war da. Die Filmvorführgeräte sind schon für das digitale Kino vorbereitet, aber: "Jeder Analogfilm sticht in der Qualität den digitalen aus", sagt der Spezialist.
Und solange es noch analoge Filme gibt, bleiben die beiden Ernemanns in der Filminsel so, wie sie gerade sind. Für den Kinogast macht vor allem das Tonsystem den Unterschied, denn das Knistern und Knacken ist vorbei - damit aber auch ein wenig Nostalgie.
Des Vorführers Reich (Bürstädter Zeitung, 30.01.2010)
|